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Mittwoch, 6. August 2014

AUFRUF FÜR EINE WÜRDIGE AUFNAHME IN CATANIA


Die Küsten Siziliens sind das Hauptziel von tausenden von Migranten, die versuchen, ihr eigenes Leben vor Krieg, Verfolgung, Gewalt, Hungersnot und Elend zu retten. Viele von ihnen sind bereit ihr Leben zu riskieren, um aus den Ländern, in denen sie leben, zu fliehen: Von 2011 bis heute sind ca. 4500 Migranten bei dem Versuch, Europa zu erreichen, gestorben, davon alleine in den ersten sieben Monaten dieses Jahres 700. Wem es gelingt zu überleben, kommt in einem psychisch und physisch extrem kritischen Zustand an.
Viele der Überlebenden haben wochen- oder monatelange Reise hinter sich, auf denen sie wenig oder nichts zu essen und zu trinken hatten. Sie haben die Wüste durchquert und das Meer überquert. Dabei haben sie neben sich Freunde und Familienangehörige sterben sehen; sie haben Gewalttaten, Folter, seelische und körperliche Verletzungen erlitten. Diese Personen sind menschliche Wesen, denen klare und unveräußerliche Rechte zustehen, die, weil sie ihrer Art nach fundamentale Rechte sind, nicht begrenzt und noch weniger, ihnen versagt werden können. Folglich muss jede Art und jedes Programm der Aufnahme die Achtung dieser Rechte immer einschließen. Was man aber in Catania und anderen Teilen Siziliens miterlebt, ist eine ständige Verweigerung dieser Rechte. Seit Jahren betreibt das Antirassistisches Netzwerk Catania in der Stadt eine ständige Aktivität zur Unterstützung der Migranten und des Monitoring und der Anprangerung der Behandlung, die ihnen widerfährt. Das, was daraus hervorgeht, ist unter verschiedenen Gesichtspunkten ein extrem kritisches Bild, was sich zusammenfassen lässt als eine offensichtliche Verletzung der Rechte und der Würde der Migranten, die in der Stadt „aufgenommen“ werden. Im Licht dessen, was wir selber haben verifizieren können, indem wir die Orte besucht haben, an denen die Migranten „beherbergt“ werden und auf der Grundlage dessen, was an zahlreichen Zeugenaussagen der Migranten selber gesammelt wurde, halten wir es heute mehr denn je für grundlegend, präzise Forderungen nach vorne zu bringen, mit dem Ziel, neue Verletzungen der unveräußerlichen Rechte eines jeden Menschen, Rechte, die von der internationalen Gesetzgebung, von der EU und von der italienischen Verfassung selber aufgestellt worden sind, zu verhindern:

-Angemessene Zentren zur ersten Aufnahme vorzubereiten, die ausgestattet und in der Lage sind, würdige Lebensbedingungen zu garantieren. Einrichtungen wie Kasernen, Turn- und Sporthallen – und insbesondere das PalaSpedini (eine Basketballhalle), das in den vergangenen Wochen oft genutzt wurde -, sind insgesamt unangemessen (Klimabedingungen, fehlende Privatsphäre, sehr wenige Bäder und Duschen, keine Betten). Sie zwingen die Migranten unter Bedingungen extremer Unbequemlichkeit zu leben. Stattdessen sollten vielmehr die ehemaligen Krankenhäuser der Stadt genutzt werden. Sie sind in gutem Zustand und geeignet, Menschen zu beherbergen, die einen dringenden Bedarf an Pflege haben und daran, ihre eigenen Rechte kennen zu lernen (das Asylrecht inbegriffen). Gleichzeitig müssen Situationen der Überbelegung absolut vermieden werden, sowie der Aufenthalt in den besagten Zentren der ersten Aufnahme auf höchstens 72 Stunden begrenzt werden. In fast allen Fällen, die von uns beobachtet wurden, wurde ein Missbrauch dieser Einrichtungen festgestellt. Viele Migranten sind gezwungen, für einige Wochen darin zu wohnen, ohne Informationen zu erhalten bezüglich der Gründe dieses verlängerten Aufenthalts und noch weniger bezüglich der Aufenthaltsdauer.

-Jede und jeden mit einer angemessenen und sofortigen ärztlichen und gesundheitlichen Betreuung zu versorgen, mit besonderem Augenmerk auf die „verletzlichen“ Personen (Frauen, Minderjährige, Personen mit speziellen körperlichen und seelischen Störungen). Wie wir es im Fall der kürzlich in PalaSpedini untergebrachten Migranten (wie auch in zahlreichen anderen Fällen in der Vergangenheit) mehrfach festgestellt und gemeldet haben, wird sehr oft keine ärztliche und gesundheitliche Grundversorgung – die ein Grundrecht darstellt –durchgeführt. Gleichzeitig wird verschiedenen verletzlichen Personen nicht beigestanden und sie werden nicht weiter begleitet. Das sind die Hauptkritikpunkte, die im Laufe der vergangenen Monate in PalaSpedini festgestellt wurden: Keine Ausgabe des Ausweises STP (für medizinische Behandlung), kein Gesundheits-Screening und/oder keine andere ärztlich-gesundheitliche Kontrolle der neu angekommenen Migranten; keine Überprüfung und kein medizinischer Beistand für Kinder, Frauen (Schwangere eingeschlossen), Minderjährige und Erwachsene mit unterschiedlichen Störungen (Atemprobleme, Hautprobleme, starke Schmerzen); keine Versorgung mit Medikamenten. Darüber hinaus wurde in den letzten Wochen auch die Versorgung mit grundlegenden Dingen des Lebens unterbrochen: Seife, Zahnbürste, Zahnpasta, Handtücher wie auch die Versorgung mit Schuhen und Kleidung (sehr viele Migranten waren barfuß und mit nur einem T-Shirt und einer Hose). Einigen dieser Kritikpunkte sind die Aktivistinnen und Aktivisten des Antirassistischen Netzwerks entgegen getreten und haben sie ganz unentgeltlich gelöst. Sie haben auch die Neuzugänge aus eigener Tasche mit Medikamenten, Schuhen, Wörterbüchern etc. versorgt. Angesichts der Schwere und der Wiederholung dieser Kritikpunkte fordern wir daher einen konkreten Einsatz der involvierten Institutionen (Präfektur, ASP (örtlicher Gesundheitsdienst), Zivilschutz, Gemeinde), die bis jetzt, soweit wir das festgestellt haben, die Angelegenheit ignoriert oder die Verantwortung auf andere Einrichtungen abgeladen haben.

-Die Migranten sofort mit den grundlegenden Informationen bezüglich ihrer Grundrechte und bezüglich des Antrags auf internationalen Schutz zu versorgen, kurz nachdem sie das italienische Territorium erreicht haben. Die Möglichkeit, informiert zu werden, ist ein weiteres Grundrecht, das von allen Gesetzgebungen in der Sache anerkannt wird; aber in der Realität kommt es niemals dazu. Außerdem besteht die übergroße Mehrheit derjenigen, die in Catania oder auf Sizilien ankommen, aus potentiellen Asylsuchenden, weil sie aus Ländern kommen, in denen Krieg, Gewalt und Verfolgung herrschen. Auch in diesem Fall haben die Antirassismusvereine diese schwerwiegende Lücke zum Teil gefüllt, indem sie zahlreichen Migranten im PalaSpedini, neben mündlichen Informationen zu diesem Thema in Englisch und Französisch, einen Leitfaden zum Asylantrag überreicht haben; und sie haben einigen ein Telefonat ermöglicht, um ihren Familienangehörigen zu versichern, dass sie noch am Leben sind. Mit diesem Gesichtspunkt ist eng die Notwendigkeit verknüpft, über sprachlich-kulturelle Mediatoren zu verfügen, die in der Lage sind, mit den Migranten zu interagieren, sei es um ihre Anträge und Anfragen zu sammeln oder um sie mit den notwendigen Informationen zu versorgen, die oben genannt wurden. Weder in den letzten Wochen, noch in den Monaten davor haben wir einen solchen Mediator im PalaSpedini angetroffen. Eine andere Forderung, die wir von allen Migranten gehört haben, ist die, ihre Familienangehörigen und Freunde kontaktieren zu können, sei es in ihrem Heimatland oder in Europa. Keine(r) von ihnen hat die Möglichkeit gehabt, ein Telefongespräch zu führen noch das Internet zu nutzen, um mittels E-Mail oder Facebook seine Ankunft mitzuteilen. Wir fordern daher, dass den Migranten gleich nach ihrer Ankunft in der Stadt die Möglichkeit gegeben wird, mit ihren Lieben per Telefon oder Internet Kontakt aufzunehmen.

- Ein weit verzweigtes System der 2. Aufnahme zu organisieren, das das Recht garantiert, in würdigen Einrichtungen zu wohnen und ein besonderes Programm zum Schutz und zur Aufnahme von Frauen, Minderjährigen und Familien vorzubereiten. Wie oben gesagt, haben viele der neu angekommenen Migranten das Recht, internationalen Schutz zu beantragen, aber sie erhalten diesbezüglich keine Informationen. Dies ist nur die erste Verletzung dieses fundamentalen Rechtes; denn wem es gelingt diesen Antrag zu stellen, der wird mit hoher Wahrscheinlichkeit in das CARA von Mineo verlegt, eine Einrichtung, die extrem überbelegt ist (5000 anwesende Migranten in Relation zu 2000 vorhandenen Plätzen), wo die Lebensbedingungen extrem kritisch sind (wie es die Proteste und die Selbstmordversuche und die Selbstverletzungen von einigen „Gästen“ des CARA belegen) und wo die Wartezeit auf die Auswertung des eigenen Antrags sehr lang ist (ca. 2 Jahre). Wir fordern daher, dass die Asylantragsteller von ihrem Recht Gebrauch machen können, in angemessenen Einrichtungen zu leben, die auf dem nationalen Territorium verteilt sind und dass diese eingefügt werden in das SPRAR Programm; gleichzeitig fordern wir, dass sie nicht gezwungen sind, Jahre zu warten, bis sie vor die zuständige Kommission treten können (die Kommissionen müssen auf der Grundlage der Anzahl der Asylanträge vervielfacht werden). Darüber hinaus, wie wir schon mehrmals hervorgehoben haben, wohnen in PalaSpedini in absoluter Abwesenheit von Privatsphäre und totaler Überfüllung Erwachsene zusammen mit Frauen und Minderjährigen. Außer dass es im Allgemeinen Allen einen würdigen Aufenthalt verwehrt, verletzt dieser Zustand offensichtlich das Recht der Frauen, Kinder und unbegleiteten Minderjährigen angesichts ihrer größeren Verletzlichkeit Räume und Dienste spontan zu nutzen. Wir fordern daher, dass diesen Menschen eine besondere Aufmerksamkeit gewidmet wird und dass sie sofort, bald nach ihrer Ankunft in Catania, in einer geschützten Einrichtung unterkommen.

-Den antirassistischen Vereinen und einzelnen solidarischen Bürgern den Zugang zu den Orten zu erlauben, an denen die Migranten untergebracht sind. Seit Jahren ist die Arbeit lokaler Einrichtungen und einzelner Bürger, die den Migranten Unterstützung anbieten von großer Wichtigkeit; sie bieten den Migranten unmittelbar in vielfältiger Form Unterstützung an (Versorgung mit Schuhen, Kleidung und Medikamenten, Information über den Asylantrag und andere nützliche Informationen etc.); sie beobachten die Situation und machen festgestellte kritische Punkte und die Verletzung nationaler und internationaler Normen in Sachen Menschenrechte öffentlich. Trotz dieser konstanten und ehrenamtlichen Arbeit haben die Ordnungskräfte unter bestimmten Umständen diese Freiwilligen (inklusive Ärzten und Mediatoren) daran gehindert, in die Einrichtungen zu gehen und den Migranten die Hilfe zu bringen, die von ihnen selbst gefordert wird und die ihnen von anderer Seite oft genug verwehrt wird; weil Mediatoren fehlen, medizinische Unterstützung, Informationen, die von den Institutionen und Unternehmen, die dazu vorbereitet sind, garantiert werden sollten. Wir stecken also in einer paradoxen Situation, in der die akkreditierten Institutionen und Betreiber fast gänzlich abwesend sind, während demjenigen, der die Migranten mit konkreter und konstanter Unterstützung versorgt, in bestimmten Fällen jeder Kontakt und jede Interaktion mit den Migranten verwehrt wird. Wir fordern daher, dass die Präfektur und die anderen beteiligten Betreiber den örtlichen Freiwilligen, seien es Mitglieder der Vereine oder einfache Bürger, erlauben, in die Einrichtungen, in denen Migranten beherbergt werden, hineinzugehen und ihnen die notwendige Unterstützung zu geben, auch in Anbetracht der spärlichen Beteiligung der akkreditierten Betreiber, Caritas und St. Egidius.

Die oben aufgestellten Forderungen sind das Ergebnis einer langen Reihe von Informationen und Zeugenaussagen, gesammelt in mehreren Jahren der direkten Unterstützung der Migranten. Sie stellen, in einer eher spezifischen Art, einen Bezug her zur Situation des PalaSpedini, wo im Verlauf der letzten Monate hunderte von Migranten aus verschiedenen Anlandungen in extremer Vernachlässigung untergebracht sind. Diese Kritikpunkte sind nicht nur von all jenen, die sich als Freiwillige in das PalaSpedini begeben haben, erhoben worden sondern auch von internationalen Organisationen, die diese Einrichtung besucht haben. 
Weil wir dringend eine gemeinsame Plattform für sofortige Forderungen brauchen, appellieren wir an das antirassistische und antimilitaristische Vereinswesen, das sich seit Jahren dafür eingesetzt hat, Migranten willkommen zu heißen und die ethnischen Gefängnisse und militärischen Basen von Muos bis Niscemi zu schließen, sich zu folgenden Vorschlägen zu äußern und sich dafür einzusetzen, eine neue Zeit des Kampfes für die Bürgerrechte der Migrantinnen und Migranten einzuläuten:
-Angesichts eines massenhaften Zustroms an Flüchtlingen (unter ihnen viele Syrer, Eritreer und Palästinenser) muss die Regierung auf der Grundlage von Art. 20 des T.U. (Testo unico; Gesetzestext) über Immigration eine Verordnung erlassen und allen auf der Grundlage der Herkunft eine einstweilige Aufenthaltserlaubnis geben und entsprechende Reisedokumente ausstellen, ohne eine Prozedur in der Territorialkommission zur Anerkennung des Status vorzusehen, eine Prozedur, die heute normalerweise eineinhalb Jahre dauert. Für diejenigen hingegen, die Zugang haben zur Prozedur zum Ersuchen von internationalem Schutz, muss sofort die Anzahl der zuständigen Territorialkommissionen erhöht werden, um die Asylanträge zu prüfen, wie es schon vergangenes Jahr angekündigt wurde, wie es aber bis heute nicht an allen Standorten der Kommissionen geschehen ist.
-Auf europäischer Ebene ist es dringend, dass die italienische Regierung folgendes durchsetzt: eine sofortige Aussetzung von Dublin III; die Öffnung von geschützten und legalen Eintrittskanälen für die, die im Transitland wie in Ägypten und Libyen fest sitzen; die Proklamation des „außergewöhnlichen Zustroms von Flüchtlingen“ auf der Grundlage der Direktive 2001/55/CE und schließlich die Ausstattung aller Flüchtlinge aus Libyen mit einer Aufenthaltserlaubnis für zeitweiligen Schutz sowie einem in ganz Europa gültigem Reisedokument.

Antirassistisches Netzwerk Catania, Basiskomitee NoMuos/No Sigonella, LILA, La Città Felice, Cobas Scuola Ct, Borderline Sicilia, Ass. A, Sayed-Me.
Für die Zustimmung: alfteresa@libero.it

Aus dem Italienischen von Rainer Grüber