siciliamigranti.blogspot.com ist ein italienischsprachiges Monitoringprojekt zur Situation der Flüchtlinge in Sizilien, dort finden Sie die Original-Berichte, hier finden Sie die deutschen Übersetzungen. Klicken Sie auf die auf die Namen der Schlagworte (keywords), wenn Sie bestimmte Themen suchen.
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Mittwoch, 18. Oktober 2017

Das Chaos regiert während die Migrant*innen sterben

Der Kampf gegen die Migrant*innen fordert immer mehr Opfer, ohne Unterbrechung. Die Opfer werden immer jünger und sind das Resultat einer europäischen Politik, die sich immer weiter abschottet. Ein Europa der ewigen Angst vor Belagerung, welches das Leben von Menschen in eine Hölle verwandelt. So auch das der 606 Personen, die am vergangenen Freitag auf dem Schiff von SOS Mediterranee eingetroffen sind, welches von allen Zeitungen inzwischen das Schiff der Kinder genannt wird. 

Das Schiff von SOS Mediterranee im Hafen von Palermo

Freitag, 11. August 2017

Minderjährige minder geschützt? Von der Landung bis zur Volljährigkeit: Bestandsaufnahme von Aufnahmezentren in Ost-Sizilien

Der Hotspot von Pozzallo sieht seit einigen Monaten einen Container für die „Aufnahme“ unbegleiteter Minderjähriger und Familien vor. Ein Ort, der jenen „gewidmet“ ist, die nach der Landung eigentlich nur einen Zwischenstopp im Hotspot einlegen sollten. Aber leider werden sie dort rechtswidrig zu einem längeren Aufenthalt gezwungen, mit der Erklärung, dies sei „normal und nicht zu verhindern“. Selbst manche Organisationen, die sich eigentlich für die Rechte von Geflüchteten einsetzen sollten, nehmen diese Lage widerspruchslos hin. Sie sehen davon ab, diese Zustände anzuprangern. Ihnen ist wichtiger, sich ein Stück vom Kuchen zu sichern, den das gewinnträchtige Unternehmen der Flucht bereithält, anstatt jene, die ankommen, zu schützen.

Freitag, 7. Juli 2017

Das Zeltlager in Pian del Lago, Caltanissetta: Ein Nicht-Ort der Verzweiflung

Die Lebensbedingungen der Migrant*innen im provisorischen Lager von Pian del Lago verschlechtern sich zunehmend. Nach der letzten gewaltsamen Räumung durch die Ordnungskräfte am 26. Mai 2017 mussten die Bewohner*innen ihre Zelte zwischen den Erdlöchern aufrichten, die Mitarbeiter*innen des Umwelt- und Entsorgungsdienstes Caltambiente ausgebaggert hatten. Dies sollte ein Versuch sein, dem Wiederaufbau der Zeltstadt Einhalt zu gebieten. Die ohnehin schon tragische Situation wurde dadurch nur weiter verschlimmert.


Donnerstag, 16. März 2017

Von der Erstaufnahme nach Mineo. Was erwartet die Neu-Volljährigen?

„Die Dinge werden besser laufen, da sie mich in Kürze verlegen.“ A. kommt aus Ghana und ist 18 Jahre und einige Monate alt. Seit einem Jahr lebt er in einem der großen Erstaufnahmelager für unbegleitete Minderjährige in der Gegend von Catania, dessen Namen wir nicht nennen sollen. Hier sind wir ihm im vergangenen Juni begegnet. Damals hatte er sich ganz anders präsentiert als heute. Es war ein Jahr der Unduldsamkeit, der Verständnislosigkeit, der Dialogversuche und der kleinen Errungenschaften. Eine davon war die Einschreibung in die Schule, für die A., zusammen mit weiteren zehn Jugendlichen des Zentrums, von Anfang an gekämpft hat. Anlässlich eines dieser „Proteste“ in Form von Briefen, die er an Verantwortliche und Verwalter geschickt hat, sind wir ihm begegnet.

Das CARA* von Mineo

Dienstag, 6. Dezember 2016

Erzwungener Halt: die Zeit in Agrigento vergeht nicht

Wir haben einen Tag mit den Migrant*innen verbracht, die sich im Villaggio Mosè in Agrigento befinden, und dabei Jugendliche und Betreiber der Einrichtung getroffen. Wir sind Dynamiken und Praktiken begegnet, die uns wohl bekannt sind, weil das System sie gefestigt und in vielen Fällen derart gestaltet hat, dass sie einem menschenwürdigen Leben nicht angemessen sind. Unser Besuch nimmt seinen Anfang im außerordentlichen Aufnahmezentrum (CAS) La mano di Francesco, das sich auf der Viale Cannatello befindet, der Straße, die von Villaggio Mosè zum Strand führt. Also in einer Gegend, in der, abgesehen von ein paar Geschäften und einem Supermarkt, gar nichts ist. 

Montag, 5. Dezember 2016

Tote, Zurückgewiesene und besonders Schutzbedürftige im Hotspot festgehalten. Die täglichen Tragödien derer, die nach Europa fliehen

Durchschnittlich 4 Ankünfte in der Woche allein an den sizilianischen Häfen, Dutzende von Todesfällen und eine unbekannte Anzahl an Vermissten: Wir sind erst am Anfang des Monats Dezember, doch aus Libyen reisen weiterhin Menschen ab, die immer weniger sicher sein können, Europa lebendig zu erreichen. Am Bord des Schiffes der Militärmarine San Giorgio ist die erste Phase der Ausbildung der libyschen Marine und der Küstenwache zu Ende gegangen, die von den Europäischen Streitkräften im Rahmen der Operation SOPHIA von EUNAVFORMED durchgeführt wurde. Dementgegen werden die humanitären Einsätze verschiedener Schiffe, unter ihnen die Dignity und die Bourbon Argos von Ärzten ohne Grenzen, die Vos Hestia von Save the Children und die Phoenix von MOAS (Migrant Offshore Aid Station), in Kürze zu Ende gehen und erst in einigen Monaten werden sie ihre Rettungsmissionen wieder aufnehmen.

Freitag, 4. November 2016

Von der Schwierigkeit, Menschen aufzunehmen: Lampedusa

Es befinden sich ganze 850 Menschen im Hotspot von Contrada Imbriacola auf Lampedusa, einer Einrichtung (in teilweise unbenutzbaren Zustand), die nur auf 250, maximal 300 Menschen ausgelegt ist. Das hat zur Folge, dass den Menschen hier täglich Unmenschliches widerfährt. Auf Lampedusa sind Misshandlungen nur möglich, weil die Insel weit weg von Augen und Herzen der Öffentlichkeit liegt. Hier wird Minderjährigen, Frauen und anderen Menschen, die besonderen Schutz brauchen Leid angetan, das wider das Gesetz ist. Hier werden Menschen festgehalten, ohne sie nach dem Geschlecht zu trennen, ohne dass mehrere Monate etwas passiert. Hier können sie vor der Öffentlichkeit und vor humanitärer Hilfe verwahrt werden, in einem Hotspot, der off-limits ist und den Zugriff erschwert.

Freitag, 28. Oktober 2016

Das außerordentliche Aufnahmezentrum in Poggioreale für Frauen: die Schutzbedürftigkeit, die nicht gewahrt wird

13 Frauen, davon eine mit einem einjährigen Kind.
13 Frauen, über die niemand spricht.
13 Frauen, von denen drei schwanger sind.
13 Frauen, die in Begleitung drei minderjähriger Mädchen sind.

Hier ist die Rede von Frauen, die im einzigen CAS (außerordentlichen Aufnahmezentrum) in der Provinz Trapani untergekommen sind, das seinen Sitz in Poggioreale hat und seit Juli 2014 etwas ruckweise von der Kooperative „Nuovi Orizzonti“ - „neue Horizonte“ - geführt wird. Die Leitung des ehemaligen Altenheimes, von dem nur das Schild bleibt, hat die Tore von Januar bis April 2015 geschlossen, um dann wieder zu eröffnen und die Aktivitäten neu aufzunehmen, allerdings mit den gewohnten Schwierigkeiten, so dass der Vorsitzende uns nun mitgeteilt hat, dass er gezwungen sein wird, erneut zu schließen, wenn nicht die Gelder der Präfektur eingehen.

Momentan sind alle Frauen, die dort sind, Nigerianerinnen, erwachsen und minderjährig, abgesehen von einer Südamerikanerin, die ein besonders verletzlicher Pflegefall ist. Nach der Schließung des anderen Frauenzentrums der Provinz Trapani, das CAS Armonia, wird jenes in Poggioreale, wie es meist mit den isoliertesten Zentren geschieht, als ein Experimentierort genutzt, in dem Erwachsene und Minderjährige einer Nationalität, aus Nigeria eben, aufgenommen werden, aber nicht nur. Einige der Bewohnerinnen haben kleine Kinder oder sind besonders verletzliche Frauen und vor allem Frauen, die ein erhöhtes Risiko haben, Opfer von Menschenhandel zu werden. Es scheint uns, als würde eine solche Praxis gegen jegliche Richtlinie zum Schutz von Minderjährigen und Schutzbedürftige verstoßen!

Diese schwerwiegende Situation, die wir anzeigen, nämlich die Notunterbringung von Minderjährigen in ein CAS für Erwachsene seit Juni 2016, ist das Ergebnis institutioneller Entscheidungen, die das Zentrum wohl oder übel mittragen müsse. Diese Situation ist der x-te Beweis für das Versagen des italienischen Aufnahmesystems. Seit Juni 2016 werden dutzende Mädchen nach Poggioreale verlegt, in ein isoliertes Zentrum, in dem die einzige Ablenkung Zöpfeflechten ist, schön und bunt, aber eben in einem bergigen Gebiet liegende Ortschaft mit kaum 1000 Bewohner*innen mit einem Durchschnittsalter von 70 Jahren, von dem man sich in der Regel freiwillig entfernt, sogar im Rollstuhl. Man flieht vor dem Nichtstun.

Vor einigen Wochen ist tatsächlich ein eritreisches Mädchen mit einem Rollstuhl vom Zentrum in Poggioreale geflohen. Die Schwierigkeiten, auf die sie traf, sind unzählige: sie konnte sich als einzige Eritreerin, die nur die eigene Sprache (Tigrinya) spricht, inmitten lauter Nigerianerinnen mit niemandem verständigen und konnte sich mangels Übersetzer*innen auch nicht verständig machen. Die einzige Art, auf der die Beschäftigten dort mit ihr kommunizieren konnten, war, sie nach Castelvetrano zu bringen und eine Übersetzerin zu treffen, die sich freundlicherweise zur Verfügung stellte.

Es sind Frauen, die die Langeweile und fehlende Papiere teilen, Frauen die ihre Träume weiterhin verfehlt sehen. Einige Frauen sind bereits seit einem Jahr dort und nur fünf von ihnen haben schon die Anhörung bei der Territorialkommission gehabt, um Anerkennung auf internationalen Schutz zu bekommen, während die anderen erst Ende des Monats das C3-Formular zur Asylantragstellung vervollständigen werden. Eine der Bewohnerinnen, die im Dezember 2015 von der Kommission angehört wurde, würde eigentlich immer noch auf eine Antwort warten, und zwar aufgrund von Kommunikationsproblemen zwischen den Kommissionen von Trapani und Palermo, sagt uns die Psychologin des Zentrums.

„Hier für mehr als ein Jahr eine Frau festzuhalten, die eigentlich nicht hier sein will, ist zu kompliziert und das Frustrationslevel ist ungeheuer hoch“, sagt die Psychologin des Zentrums. Wir haben sie gemeinsam mit dem Sozialarbeiter und dem Präsidenten der Kooperative getroffen, der sich über acht Monate Verzug in den Zahlungen seitens der Präfektur beschwert und uns unverblümt mitteilt, dass die CAS mittlerweile die Zahlungsautomaten des Ministeriums geworden sind, weil sie seit Monaten nicht mehr bezahlt werden und die Bewohner*innen trotz der Schwierigkeiten unterhalten müssen.

Es ist ein CAS für Erwachsene, das große Schwierigkeiten hat Minderjährige zu betreuen, wie es einige Angestellte dort beklagen, denn das Zentrum musste Tutor*innen für die Mädchen finden und sah sich vor unvorhergesehene Aktivitäten gestellt. So ist nun auch die Sozialarbeiterin gezwungen, zu verstehen, wie man mit dem Amtsgericht für Minderjährige umgeht. Außerdem haben die Minderjährigen bisher als Schutzbeauftragten den Anwalt der Einrichtung: ein eindeutiger Fall von Inkompatibilität, weiterhin gerechtfertigt durch den Notzustand. Die Alternative dazu war der Bürgermeister, der die Minderjährigen nicht einmal bei einem Arztbesuch begleiten würde. A., eine 17-jährige schwangere Nigerianerin, war zum Beispiel für einen Termin ins Krankenhaus gegangen und der Arzt weigerte sich, sie zu behandeln, weil der Vormund fehlte, der in diesem Fall eben der Bürgermeister selbst gewesen wäre.

Dieses Unbehagen, das täglich im Zentrum gelebt wird, neben den langen Wartezeiten und dem zurückgewiesenen Wunsch, ein frauengerechtes Leben zu führen, verschlimmern nur die Gemütszustände und führen zu Protesten. Der letzte fand vor drei Wochen statt, woraufhin drei Bewohnerinnen das Zentrum verließen und somit ihr Recht auf Aufnahme verloren. Seit das Zentrum wieder eröffnet wurde sind zwölf Aufnahmen der Einrichtung von Poggioreale widerrufen worden. Die einzige Alternative bleibt also, bei einer*m Bekannten unterzukommen oder auf der Straße, was für eine Frau sehr gefährlich ist, vor allem für eine Nigerianerin. Die Situation wird noch dramatischer, wenn die Mädchen das Zentrum verlassen und somit entscheiden, dass die Straße ein besseres Heilmittel gegen die staatliche Ineffizienz ist.

Alberto Biondo
Borderline Sicilia

Aus dem Italienischen übersetzt von Sophia Bäurle

Freitag, 9. September 2016

Mehr besonders Schutzbedürftige, weniger Schutz. Verlängertes Zurückbehalten in Pozzallo und Augusta

15 tote Migrant*innen auf dem Meer, unter ihnen Frauen und Kinder.
Die Nachrichten über den Tod im Mittelmeer werden immer häufiger und lapidarer. Sie lassen den Bildern von Rettungen und Anlandungen nur geringsten funktionalen Raum, die europäische Verantwortung mit einzubeziehen und die italienischen Operationen zu rühmen. Gesichter und Körper, die schnell verschwinden, oft verurteilt zu einer Beerdigung weit entfernt von den Blicken der Freunde, oder zu einem mühsamen Überleben in einem Land, das sich als immer weniger demokratisch und aufnahmewillig entpuppt.

Montag, 5. September 2016

Neue Landungsverfahrensweisen oder das komplette Durcheinander? Die „verzögerter Landung“ in Messina ist kein Einzelfall

In aleis strenua – in pugna invicta”, „Entschlossen in der Risikobereitschaft, unbesiegbar in den Kämpfen“ Das ist das Motto der mächtigen Virginio Fasan (F591), einer Fregatte der Militärmarine, deren unüblicher und verlängerter Aufenthalt im Hafen von Messina die Neugier der Passanten geweckt hat und die Zweifel der örtlichen Aktivist*innen nach sich gezogen hat. Diese Bedenken wurden in der Pressemitteilung der PRC* von Messina ausgedrückt. Diese hat wiederum dazu geführt, dass wir gerade noch rechtzeitig angekommen sind, um den letzten Akt der Landung mitzuerleben, die die längste und anstrengendste der letzten Zeit geworden ist. Die letzte Gruppe Migrant*innen, ca. 150 von insgesamt 1159 Personen, durfte erst gegen 21:00 Uhr am Donnerstag, den 1. September, das Schiff verlassen, also mehr als 48 Stunden nachdem die Landungsaktion am späten Nachmittag des Dienstags, den 30. August, angefangen hatte.

Sonntag, 8. Mai 2016

Das Versagen des Hotspots auf Lampedusa: Straßenproteste mit Forderungen nach Transparenz und Würde


In den vergangenen Wochen hatten wir bereits mehrfach die desaströse Lage des Hotspots im Viertel Imbriacola auf Lampedusa angeprangert. Grund für die menschenunwürdigen Zustände sind die sich auf unbestimmte Zeit hinziehenden bürokratischen Vorgänge, die die Verteilung der Migrant*innen auf den Rest Italiens verlangsamen. Die Bewohner*innen des Hotspots erhalten keinerlei Informationen, und es mangelt an grundlegenden hygienischen Vorrichtungen, sowie an regelmäßiger und außergewöhnlicher Wartung des zerfallenden Gebäudes, das chronisch überfüllt ist. Die dort untergebrachten Menschen werden sich selbst überlassen.

Samstag, 7. Mai 2016

Lampedusa, „Befreit uns aus diesem Gefängnis!“

Aus La Repubblica, Giacomo Zandonini - Mehr als siebzig Geflüchtete befinden sich im Hungerstreik gegen den Identifizierungsprozess und gegen das „System Hotspot“, und haben sich gestern auf einer Piazza im Zentrum Lampedusas zusammengefunden, mit der Forderung, die Insel verlassen zu dürfen. Weitere 400 Menschen sind innerhalb von 24 Stunden auf der Insel angekommen.

Dienstag, 23. Februar 2016

Ein Besuch in der "Villa Sergio" in Caltanissetta

"Villa Sergio" ist eine der Einrichtungen , die vom Verein "Casa Rosetta" getragen werden. Der Verein versammelt unter seinem Dach Anlaufstellen für verschiedene Zielgruppen: therapeutische Gemeinschaften, Wohnungen für Menschen mit Behinderung und Minderjährige, Wohnungen für Menschen mit HIV.
Jedes dieser Wohnprojekte funktoniert auf seine eigene Art, die durch die spezifische Eigenheit des Projekts, die Professionalität und Ausbildung des Personals und durch die Bewohner*innen bedingt ist.
Die "Villa Sergio" - Namensgeber war ihr erster Bewohner - ist ein vom staatlichen Gesundheitsdienst anerkanntes Haus, in dem Menschen wohnen, die HIV positiv sind.