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Montag, 2. September 2013

Trapani: Hautpstadt der “Aufnahme”zentren

Die Provinz Trapani ist charakterisiert durch eine massive Präsenz von Aufnahmezentren: CARA (für Asylsuchende), CIE (Abschiebungshaft) und SPRAR (für Flüchtlinge und Asylsuchende, die integriert werden sollen). Es fehlt wirklich an Nichts, so wurde in diesem Monat auch eine so genannten „Brückeneinrichtung“ in einem Schulturnhalle in der Nähe des trapanesischen Hafens eröffnet.
Unser Tag in Trapani begann sehr früh: wir waren zuerst in Alcamo, wo am 5. August das ehemalige Miramare – Hotel in ein SPRAR umgewandelt wurde (betrieben durch die Kooperative Etica, die zum Solidalia-Verbund gehört). In diesem alten Hotel sind 25 junge Erwachsene zwischen 18 und 25 Jahren untergebracht (Nigerianer, Liberianer und Malier), die am 2. und 3. August in Lampedusa angekommen waren.

Die jungen Migranten hatten sehr klare Vorstellungen von ihrer „Reise“, bevor sie in Italien ankamen, doch kaum hatten sie italienischen Boden betreten wurde ihnen klar, dass die italienischen und europäischen Gesetze ihnen einen Strich durch die Rechnung machen würden. Nun warten sie auf eine Aufenthaltsgenehmigung, um die Integrationsmaßnahmen im SPRAR-Projekt beginnen zu können (die Mitarbeiter haben irgendwoher Tafeln besorgt, um mit dem Italienischunterricht beginnen zu können. Einer der Mitarbeiter sagt uns, dass die Grenze zwischen einem guten und einem schlechten Projekt von der Professionalität der Mediatoren abhänge, und dass es aus seiner Erfahrung vor allem in den CARA und den CIE sehr wenig Professionalität gebe.)

Die Mahlzeiten werden von Siciliana Pasti gestellt (diese beliefert auch die andern SPRAR-Zentren sowie das CARA von Salinagrande), derzeit sind die „Gäste“ zufrieden, sei es mit dem Essen, sei es mit der Unterkunft.

Nach unserem Besuch in Alcamo sind wir zur Abschiebungshaft nach Milo gefahren, wo wir einen Mitarbeiter der Kooperative OASI mit Sitz in Syrakus getroffen haben, die diese Verwaltungshaft leitet.
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Abschiebungshaft Milo


Derzeit ist die Zahl der inhaftierten Migranten auf etwa 80 gesunken, die Fluchtversuche gehen unvermindert weiter (ebenso wie die Schläge durch die Ordnungskräfte).
In Milo gibt es Probleme vieler Art, alle beschweren sich, vor allem die Mitarbeiter, die seit mehr als zwei Monaten keinen Lohn mehr erhalten haben; das Wachpersonal, die Ärzte, die Anwälte…nur die Migranten können sich nicht beschweren.

Der Mitarbeiter, den wir getroffen haben, berichtete uns, dass die Kooperative OASI (die die Ausschreibung aufgrund des niedrigen Satzes gewonnen hat) Probleme auf vielen Ebenen hat. So zum Beispiel bei der Nahrungsversorgung: er berichtete, dass der Betreiber drei Mal den Anbieter gewechselt habe, der die Mahlzeiten stellt. Die jetzige Firma werde stark von den Migranten kritisiert, die oftmals aufgrund der schlechten Qualität und der Art der Nahrung, die ihnen vorgesetzt wird, gar nichts essen.

Wir können uns gut vorstellen, dass es nicht einfach ist, unter diesen Bedingungen zu arbeiten, wenn man nicht einmal weiß, ob man seinen Lohn am Ende des Monats erhält, genauer gesagt, ob man ihn überhaupt erhält für die Arbeit, die man geleistet hat…Wer darunter leidet sind die Migranten, die sich mit einer hygienischen nicht vertretbaren Situation herumschlagen müssen.

Nach Aussage des Mitarbeiters ist das „Projekt Abschiebungshaft“ gescheitert, ein Sieb in dem die, die es nicht schaffen zu flüchten Schläge und Misshandlungen ertragen müssen (oftmals durch Einsatztruppen, die ad hoc  aus Palermo geholt werden) oder Psychopharmaka (ein sehr großer Verbrauch wird uns bestätigt) unter der Mittäterschaft der Ärzte bekommen. Und wir geben hier gern die Worte derer wider, die die blauen Flecken und anderes gesehen haben: die, die da von draußen kommen, die nicht aus Trapani sind, gehen rein und begehen Unmenschliches, eine unglaubliche Gewalt.

Wir konnten auch feststellen, -  und das macht uns besonders traurig – dass es Anwälte gibt, die Komplizen dieses Systems sind, die ihre Arbeit nicht gut machen und die Mitwisser dieses Systems des Betreibers und der Behörden sind, und somit werden aus den Prügeln oftmals kleine Unfälle, die man nicht zur Anzeige bringen muss. Oder aber sie bemühen sich gar nicht, die nötige Dokumentation zu erhalten, um den eigenen Klienten  zu helfen. Oftmals haben sie sie noch nie gesehen, und wenn diese Dokumentation dann an von Vereinigungen erstellt wird verschwindet sie einfach im Nichts! Natürlich kennen wir auch andere Anwälte, die sich mit sehr viel Leidenschaft für die Migranten in die Arbeit stürzen und wir möchten genau diese hier hervorheben, um sie von den „faulen Äpfeln“ zu trennen.
Eine weitere traurige Sache ist, dass sich nach Aussagen unseres Freundes mindestens ein Minderjähriger in Milo befindet (die Behörden prüfen das).

Natürlich mussten wir auch dem CARA einen Besuch abstatten, wo die Situation recht ruhig erscheint, wo aber auch überall Betten stehen. Die Turnhalle ist erneut zu einem Matratzenlager geworden, die auf dem Boden liegen, die Zimmer sind völlig überfüllt.

Mehr als 300 Migranten sind derzeit anwesend (bei einer maximalen Kapazität von ca. 260 Plätzen), unter ihnen mindestens 20 Frauen und eine Familie mit zwei kleinen Kindern (es ist überflüssig zu betonen, dass dies kein geeigneter Ort für eine Familie ist). Die I-Tüpfelchen in dieser paradoxen italienischen Situation ist jedoch die Anwesenheit von zwei schwangeren Frauen.

Wir konnten einige Worte mit Migranten wechseln, die auf den Autobus nach Trapani warteten und wir konnten die Solidarität der Migranten untereinander sehen, als das einzige öffentliche Verkehrsmittel in die Stadt hielt, ein Ruf, ein Pfeifen, und aus dem Inneren des Zentrums gab es einen wahren Wettbewerb unter den Bewohnern, die Möglichkeit, sich ein wenig auszutoben, nutzend, denn im Moment gibt es als einzige Freizeitbeschäftigung im Zentrum einen Italienischkurs, drei Stunden in der Woche.

Wir haben den Tag am Hafen von Trapani beendet, wo die Präfektur in den ersten Augusttagen die Turnhalle einer Schule in der Nähe des Fischereihafens erneut
Zur Verfügung gestellt hat.
Eine erste Gruppe von Migranten verbrachte 10 Tage in der Turnhalle, bevor sie in andere Zentren verlegt wurde. Seit drei Tagen befinden sich 100 Migranten aus Gambia, Nigeria, Ghana, Pakistan und auch zwei junge Männer aus Tunesien in der Halle. Die Innentemperatur ist sehr hoch. Die Migranten erhalten drei Mahlzeiten am Tag (Frühstück, Mittag- und Abendessen) und dürfen die Halle nur zweimal am Tag für eine halbe Stunde verlassen. Die Ordnungskräfte begleiten sie nur zur Mole, wenn kein Betrieb im Hafen ist, damit sie nicht zu sehr auffallen!

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Palestra nei pressi del porto di Trapani
Wir haben feststellen können, dass noch niemand über die Aufnahme in Italien informiert worden ist (es gab nur eine Broschüre des Roten Kreuzes über die persönliche Hygiene und wie man sich die Hände zu waschen habe!!!) und viele der Migranten fühlten sich fremd hier. Das würde sicher jedem so gehen, der tagelang auf einer Matratze herumliegen muss, ohne irgendetwas zu tun zu haben, ohne ein Buch zum Lesen, einfach gar nichts, nicht mal die grundlegendsten Informationen erhalten sie!

Mindestens zehn der jungen Männer sagten, dass sie minderjährig seien (wir haben nach ihrem Alter gefragt, weil sie so jung aussahen), 16 bis 17 Jahre alt…Doch die Ordnungskräfte sagten uns, dass man bei allen den Handwurzelknochen geröntgt habe, um das Alter festzustellen (diese Technik ist nicht sicher, im Gegenteil lässt sie immer Zweifel offen).
Ungewöhnlich ist – und wir haben Save the Children darüber informiert -, dass die Polizei einigen der Jugendliche bei der Ankunft die Papiere weggenommen hat, die sie bei sich hatten. Es gab natürlich kein gesundheitliches Screening. Einer der Jugendlichen hatte ein komplett aufgeschwollenes Gesicht, wie ein Ball, wahrscheinlich aufgrund eines Zahnproblems. Doch es wurde ihm nur ein Schmerzmittel von einem Carabiniere gegeben – nachdem wir nachgefragt hatten.

Dass die Situation besorgniserregend ist haben wir auch durch die Worte eines Polizisten verstanden (der sich wirklich sehr bemüht, ‚aber es gibt so viele Schwierigkeiten, die eigene Arbeit zu tun, da unsere Politiker so unfähig sind, das Problem richtig anzugehen‘), der in der Schule, die diese Haft leitet, arbeitet. Auch sie haben die Sorge, dass ihre Arbeit nicht bezahlt wird: „Es gibt keine Gelder für Überstunden und ich bin schon seit dem 5. August hier, während der Staat so viel Geld für die Migranten ausgibt“, und die Leute seien bereit, so der Polizist, alles was sie haben mit den Zähnen zu verteidigen, um sich z.B. nicht das Fahrrad, nur  ein Beispiel, klauen zu lassen…irgendwann werde es Tote geben…


Alberto Biondo

Borderline Sicilia Onlus

Aus dem Italienischen von Judith Gleitze