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Freitag, 8. Juli 2016

Migrant*innen: Die zwei Gesichter des Hotspots auf Lampedusa. Für Grasso handel es sich um „ein Modell“, die Aktivist*innen hingegen beobachten, dass im Hotspot „Urin von der Decke tropft“

Von MeridioNews

Der Senatspräsident hat heute das Identifikationszentrum der Insel besucht. „Es ist ein Modell von Aufnahme und Solidarität, das absolut geeignet ist, weiter empfohlen zu werden“, sagte er. Das Kollektiv Askavusa hingegen veröffentlichte Bilder von Sickerwasser, Urinflaschen, dreckigen Matratzen und brüchigen Elektroanlagen.

              Foto vom Collettivo Askavusa
„Dies ist der erste Eingangspunkt nach Europa; hier beginnt oder endet Europa“. Während seines Besuchs des Hotspots auf Lampedusa heute Morgen hat der Senatspräsident Pietro Grasso wieder einmal die Zentralität der Insel unterstrichen. Die Insel wird seit Jahren als Kreuzung der Ankunftswege von Migrant*innen empfunden und als Aufnahme- und Solidaritätsmodell angepriesen. Lampedusa ist aber, um es mit den Worten des ehemaligen Staatsanwaltes zu sagen, vor allem „der Prüfstand der Idee Europas“. Dennoch, wer auf der Insel dauerhaft lebt, prangert eine Situation innerhalb des Zentrums der Contrada Imbriacola an, die ganz sicher nicht beispielhaft ist: Die Decken sind mit Urin vollgesogen,  die Migrant*innen werden gezwungen, in Plastikflaschen zu urinieren, die Matratzen sind verdreckt und die Elektro- und Wasserleitungen sowie Sanitäranlagen sind baufällig. Das Kollektiv Askavusa, das seit Jahren auf Lampedusa für den Schutz der Rechte der Migrant*innen kämpft, hat Bilder veröffentlicht, die diese Situation belegen.
„Einige Tage vor dem offiziellen Besuch – schreiben die Aktivist*innen – wurde das Zentrum geleert und gesäubert und bis zum Ende des Besuchs werden keine Neuankömmlinge hereingelassen“. Die Fotos und die Online gestellten Videos belegen stattdessen den Zerfall, der in einigen Teilen des Zentrums herrscht. Es soll auch, nach den Zeugenaussagen der Bewohner*innen, die Askavusa gesammelt und veröffentlicht hat, Druck ausgeübt und der Verlauf des Identifizierungsprozesses behindert worden sein. „Wir wissen, dass oft Minderjährige und Erwachsene zusammen leben – berichten sie – und dass die Sanitäranlagen der unbegleiteten minderjährigen Flüchtlinge geschlossen wurden, nachdem wochenlang aus einem Bad im ersten Stock durch die Decke Urin nach unten tropfte in ein Zimmer, in dem einige Migrant*innen schliefen. Die Minderjährigen werden gezwungen in Plastikflaschen zu urinieren oder die Sanitäranlagen der Erwachsenen zu benutzen, die fast immer überschwemmt sind und deren hygienischer Zustand sehr schlecht ist“.

 Foto vom Collettivo Askavusa

Um seine Meldung zu unterstützen, veröffentlich das Kollektiv die Fotos auf seinem Blog. „Sie sind von letzter Woche – erklärt der Aktivist Giacomo Sferlazzo, der auch als Liedermacher bekannt ist. Wir haben sie den Journalist*innen zur Verfügung gestellt, auch denen, die heute Abend bei Lampedus’Amora dabei sein werden (einer  Veranstaltung, die heute Abend beginnt, und die zur Ehre der Journalistin Cristiana Matano, die zu früh verstarb, organisiert wurde – Anm. d. Red.), aber niemand hat sie veröffentlicht. Ich verlange ja nicht, dass die Presse die Wahrheit erzählen soll, aber wenigstens soll sie die Nachricht, die wir ihr zugespielt haben, öffentlich machen“. Für den Sprecher des Kollektiven Askavusa ist der Grund des Schweigens ganz klar. „Das Spiel heißt Nicht-Beachten-und-Abschotten“, fährt er fort. „Sie wollen uns unsichtbar machen, wie sie das mit den Migrant*innen hier tun. Wenn man über sie spricht, dann nur in diesem rhetorischen „Rahmen“, den sie schon parat haben“.

Der Präsident Grasso hat nichts von dem, was die Aktivisten dokumentiert hatten, gesehen, lieber hat er sich mit den Mitarbeiter*innen und den Freiwilligen der Humanitären Organisationen, die im Zentrum in Imbriacola arbeiten, getroffen, er hat mit einigen Migrant*innen gesprochen und wollte die Jungen, die morgen Abend an dem Fußballspiel Lampedusa gegen den Rest der Welt teilnehmen werden, kennenlernen. An diesem Spiel werden unter anderen Bewohner*innen von Lampedusa, Migrant*innen, Schauspieler*innen, Musiker*innen, Journalist*innen, Politiker*innen und Fußballspieler*innen teilnehmen. Der PD* Politiker hat seine Anerkennung „der fruchtbaren Zusammenarbeit zwischen den vielen anwesenden Kräften“ zum Ausdrück gebracht und er hat behauptet, dass „(das Zentrum) ein Modell von Aufnahme und Solidarität ist, das sich durchaus eignet, woanders eingesetzt zu werden und darüber hinaus sehr hilfreich für die zukünftige Integration in unserem Land sein kann“.
Diese sei eine in den Medien häufig verbreitete Darstellung, findet Sferlazzo, aber er lehnt sie ab. „In Wirklichkeit sind der Hotspot und die ganze Insel eine strategische Militärbasis“, behauptet er. „Da diese Art der Darstellung aber den Tourismus fördert, widersetzen sich die Bewohner*innen der Insel der Instrumentalisierung ihres Gebietes als Bühne nicht. Und man darf nicht die vielen Leuten vergessen, die im Hotspot arbeiten. Und wenn man die Geschichte so verpackt, hat man auch eine Möglichkeit, Geld von der EU zu verlangen“.

Andrea Turco

*PD – Partito Democratico: Demokratische Partei


Aus dem Italienischen übersetzt von A. Monteggia