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Montag, 3. April 2017

Die Anlandung in Messina am 22. März und das Aufnahmezentrum für unbegleitete Minderjährige Amal (ehem. Hotel Liberty)

Am 22. März begleiteten wir eine weitere Anlandung im Hafen von Messina, mit der sich die Zahl der in dieser Stadt ankommenden Migrant*innen seit Beginn dieses Jahres auf 1269 erhöht hat. Vom Schiff Canarias der spanischen Militärmarine, das Teil der Operation EUNAVFOR-MED* ist, sind 636 Personen von Bord gegangen, darunter Frauen und Kinder. Die ersten Schritte zur Voridentifikation und anschließendem Transfer in die ehemalige Kaserne in Bisconte wurden von der Quästur um 18 Uhr abgebrochen. So mussten 200 Personen an Bord bleiben, wo sie die Nacht im Freien, auf der Brücke und nur mit Thermofolien bedeckt, verbringen mussten.
Das Schiff Canarias im Hafen von Messina

Donnerstag, 2. Februar 2017

Besuche im Zeltlager von Pian del Lago

Im Monat Januar haben wir zwei Mal das Zeltlager in Pian del Lago, bei Caltanissetta, zusammen mit den Mitarbeiter*innen von Oxfam besucht, im Rahmen des Projekts OpenEurope. Die Räumung des Lagers einige Tage vor Weihnachten war in allen Printmedien präsent, hat aber so gut wie keine Auswirkungen auf das Leben der Migrant*innen gehabt: Sie lebten davor auf der Straße und dort sind sie immer noch. Sobald die Nachricht aus der Presse verschwand, haben sich etliche von ihnen einfach wieder unter den Autobahnbrücken eingerichtet, wo sie mit Hilfe von halbkaputten Zelten, Pappkartons und Plastikplanen ihre Behelfsunterkünfte wieder aufgebaut haben. Und hier harren sie aus, einem der kältesten Winter der letzten Jahre trotzend.

Montag, 28. November 2016

Die Aufnahme, die nur Wenigen zu Gute kommt. Besuch im Erstaufnahmezentrum für Minderjährige in Castiglione di Sicilia

"Notfallsituation", "Ausnahmemaßnahmen", "außergewöhnliche Vorkehrungen": das sind Formulierungen, die häufig im Zusammenhang mit illegalen Praktiken und außerhalb jeglicher Kontrolle gebraucht werden - jedoch scheinen sie das sogenannte italienische Aufnahmesystem seit Jahren zu prägen. Die Centri di Accoglienza Straordinaria (CAS), die außerordentlichen Aufnahmeeinrichtungen, und die Erstaufnahmezentren sind dafür ein Beispiel. Sie sind längst Alltag geworden im Aufnahmesystem für Migrant*innen. Aus diesem Grund werden die Möglichkeiten für eine fachgerechte rechtliche Begleitung durch entsprechende Fachleute zum Erhalt ihrer Papiere und damit zur Integration im Aufnahmeland und der Gesellschaft immer geringer. 


Dienstag, 15. November 2016

Handelsware: unbegleitete Minderjährige auf der Flucht ohne jeglichen Schutz

„Ich bin aus Italien geflohen. Nun bin ich in einem sicheren Land.“ In den ersten Morgenstunden erreicht uns die Nachricht von A., einem jugendlichen Eritreer, den wir in Pozzallo kennengelernt und dessen erste Monate Aufenthalt in einem Zentrum für unbegleitete minderjährige Geflüchtete in der Gegend von Siracusa wir verfolgt haben. Kaum angekommen, wiederholte A. immer wieder den ersten italienischen Satz, den er im Moment seiner Ankunft gehört hatte: „Du bist in Italien, einem sicheren Land.“

Freitag, 4. November 2016

Von der Schwierigkeit, Menschen aufzunehmen: Palermo

In den letzten Tagen haben wir die Erklärungen des Bürgermeisters von Gorino und über die Proteste seiner Mitbürger*innen gelesen. Viele von uns haben jene Fälle verurteilt. Ohne Zweifel haben Rassismus und Unwissenheit Ungeheuer für die Titelseiten geschaffen, aber es ist zu leicht „auf das Rote Kreuz zu feuern.“ Kein Medium hat die Fehler der Präfektur und der anderen übergeordneten Institutionen hervorgehoben, die es nicht geschafft haben einen Aufnahmeplan zu strukturieren. Es gibt kein Interaktionsprojekt zwischen den Neuankömmlingen und der lokalen Gemeinschaft. Man hat sicher erst in der Notsituation geregt, um den hundertsten sozialen Konflikt zu entfachen: eine Methode um das wahre Gesicht der Migrationspolitik zu verbergen und weiterhin Opfer zu fordern. 

Von der Schwierigkeit, Menschen aufzunehmen: Agrigent

Den letzten Angaben nach scheint Zurückweisung wieder gängige Praxis in den sizilianischen Polizeidirektionen zu sein. Letzte Woche wurden in Agrigent 26 Marokkaner*innen und 3 Algerier*innen abgewiesen, nachdem sie mit einer Fähre aus Lampedusa in Porto Empedocle angekommen waren. Mit ihnen zusammen war auch ein Tunesier gereist, der als „mutmaßlicher Schleuser“ festgenommen wurde. Aus der Fähre, die die Pelagischen Inseln mit Sizilien verbindet, sind ferner ca. zwanzig unbegleitete minderjährige Geflüchtete ausgestiegen, die sich zu den vielen Minderjährigen gesellen werden, die schon in den unzähligen Aufnahmezentren der Provinz Agrigent untergebracht sind. Die Konzentration von Erstaufnahmezentren für Minderjährige, die wie immer als Notlösung funktionieren, ist hier die höchste im ganzen Land.



Von der Schwierigkeit, Menschen aufzunehmen: Lampedusa

Es befinden sich ganze 850 Menschen im Hotspot von Contrada Imbriacola auf Lampedusa, einer Einrichtung (in teilweise unbenutzbaren Zustand), die nur auf 250, maximal 300 Menschen ausgelegt ist. Das hat zur Folge, dass den Menschen hier täglich Unmenschliches widerfährt. Auf Lampedusa sind Misshandlungen nur möglich, weil die Insel weit weg von Augen und Herzen der Öffentlichkeit liegt. Hier wird Minderjährigen, Frauen und anderen Menschen, die besonderen Schutz brauchen Leid angetan, das wider das Gesetz ist. Hier werden Menschen festgehalten, ohne sie nach dem Geschlecht zu trennen, ohne dass mehrere Monate etwas passiert. Hier können sie vor der Öffentlichkeit und vor humanitärer Hilfe verwahrt werden, in einem Hotspot, der off-limits ist und den Zugriff erschwert.

Freitag, 28. Oktober 2016

Das außerordentliche Aufnahmezentrum in Poggioreale für Frauen: die Schutzbedürftigkeit, die nicht gewahrt wird

13 Frauen, davon eine mit einem einjährigen Kind.
13 Frauen, über die niemand spricht.
13 Frauen, von denen drei schwanger sind.
13 Frauen, die in Begleitung drei minderjähriger Mädchen sind.

Hier ist die Rede von Frauen, die im einzigen CAS (außerordentlichen Aufnahmezentrum) in der Provinz Trapani untergekommen sind, das seinen Sitz in Poggioreale hat und seit Juli 2014 etwas ruckweise von der Kooperative „Nuovi Orizzonti“ - „neue Horizonte“ - geführt wird. Die Leitung des ehemaligen Altenheimes, von dem nur das Schild bleibt, hat die Tore von Januar bis April 2015 geschlossen, um dann wieder zu eröffnen und die Aktivitäten neu aufzunehmen, allerdings mit den gewohnten Schwierigkeiten, so dass der Vorsitzende uns nun mitgeteilt hat, dass er gezwungen sein wird, erneut zu schließen, wenn nicht die Gelder der Präfektur eingehen.

Momentan sind alle Frauen, die dort sind, Nigerianerinnen, erwachsen und minderjährig, abgesehen von einer Südamerikanerin, die ein besonders verletzlicher Pflegefall ist. Nach der Schließung des anderen Frauenzentrums der Provinz Trapani, das CAS Armonia, wird jenes in Poggioreale, wie es meist mit den isoliertesten Zentren geschieht, als ein Experimentierort genutzt, in dem Erwachsene und Minderjährige einer Nationalität, aus Nigeria eben, aufgenommen werden, aber nicht nur. Einige der Bewohnerinnen haben kleine Kinder oder sind besonders verletzliche Frauen und vor allem Frauen, die ein erhöhtes Risiko haben, Opfer von Menschenhandel zu werden. Es scheint uns, als würde eine solche Praxis gegen jegliche Richtlinie zum Schutz von Minderjährigen und Schutzbedürftige verstoßen!

Diese schwerwiegende Situation, die wir anzeigen, nämlich die Notunterbringung von Minderjährigen in ein CAS für Erwachsene seit Juni 2016, ist das Ergebnis institutioneller Entscheidungen, die das Zentrum wohl oder übel mittragen müsse. Diese Situation ist der x-te Beweis für das Versagen des italienischen Aufnahmesystems. Seit Juni 2016 werden dutzende Mädchen nach Poggioreale verlegt, in ein isoliertes Zentrum, in dem die einzige Ablenkung Zöpfeflechten ist, schön und bunt, aber eben in einem bergigen Gebiet liegende Ortschaft mit kaum 1000 Bewohner*innen mit einem Durchschnittsalter von 70 Jahren, von dem man sich in der Regel freiwillig entfernt, sogar im Rollstuhl. Man flieht vor dem Nichtstun.

Vor einigen Wochen ist tatsächlich ein eritreisches Mädchen mit einem Rollstuhl vom Zentrum in Poggioreale geflohen. Die Schwierigkeiten, auf die sie traf, sind unzählige: sie konnte sich als einzige Eritreerin, die nur die eigene Sprache (Tigrinya) spricht, inmitten lauter Nigerianerinnen mit niemandem verständigen und konnte sich mangels Übersetzer*innen auch nicht verständig machen. Die einzige Art, auf der die Beschäftigten dort mit ihr kommunizieren konnten, war, sie nach Castelvetrano zu bringen und eine Übersetzerin zu treffen, die sich freundlicherweise zur Verfügung stellte.

Es sind Frauen, die die Langeweile und fehlende Papiere teilen, Frauen die ihre Träume weiterhin verfehlt sehen. Einige Frauen sind bereits seit einem Jahr dort und nur fünf von ihnen haben schon die Anhörung bei der Territorialkommission gehabt, um Anerkennung auf internationalen Schutz zu bekommen, während die anderen erst Ende des Monats das C3-Formular zur Asylantragstellung vervollständigen werden. Eine der Bewohnerinnen, die im Dezember 2015 von der Kommission angehört wurde, würde eigentlich immer noch auf eine Antwort warten, und zwar aufgrund von Kommunikationsproblemen zwischen den Kommissionen von Trapani und Palermo, sagt uns die Psychologin des Zentrums.

„Hier für mehr als ein Jahr eine Frau festzuhalten, die eigentlich nicht hier sein will, ist zu kompliziert und das Frustrationslevel ist ungeheuer hoch“, sagt die Psychologin des Zentrums. Wir haben sie gemeinsam mit dem Sozialarbeiter und dem Präsidenten der Kooperative getroffen, der sich über acht Monate Verzug in den Zahlungen seitens der Präfektur beschwert und uns unverblümt mitteilt, dass die CAS mittlerweile die Zahlungsautomaten des Ministeriums geworden sind, weil sie seit Monaten nicht mehr bezahlt werden und die Bewohner*innen trotz der Schwierigkeiten unterhalten müssen.

Es ist ein CAS für Erwachsene, das große Schwierigkeiten hat Minderjährige zu betreuen, wie es einige Angestellte dort beklagen, denn das Zentrum musste Tutor*innen für die Mädchen finden und sah sich vor unvorhergesehene Aktivitäten gestellt. So ist nun auch die Sozialarbeiterin gezwungen, zu verstehen, wie man mit dem Amtsgericht für Minderjährige umgeht. Außerdem haben die Minderjährigen bisher als Schutzbeauftragten den Anwalt der Einrichtung: ein eindeutiger Fall von Inkompatibilität, weiterhin gerechtfertigt durch den Notzustand. Die Alternative dazu war der Bürgermeister, der die Minderjährigen nicht einmal bei einem Arztbesuch begleiten würde. A., eine 17-jährige schwangere Nigerianerin, war zum Beispiel für einen Termin ins Krankenhaus gegangen und der Arzt weigerte sich, sie zu behandeln, weil der Vormund fehlte, der in diesem Fall eben der Bürgermeister selbst gewesen wäre.

Dieses Unbehagen, das täglich im Zentrum gelebt wird, neben den langen Wartezeiten und dem zurückgewiesenen Wunsch, ein frauengerechtes Leben zu führen, verschlimmern nur die Gemütszustände und führen zu Protesten. Der letzte fand vor drei Wochen statt, woraufhin drei Bewohnerinnen das Zentrum verließen und somit ihr Recht auf Aufnahme verloren. Seit das Zentrum wieder eröffnet wurde sind zwölf Aufnahmen der Einrichtung von Poggioreale widerrufen worden. Die einzige Alternative bleibt also, bei einer*m Bekannten unterzukommen oder auf der Straße, was für eine Frau sehr gefährlich ist, vor allem für eine Nigerianerin. Die Situation wird noch dramatischer, wenn die Mädchen das Zentrum verlassen und somit entscheiden, dass die Straße ein besseres Heilmittel gegen die staatliche Ineffizienz ist.

Alberto Biondo
Borderline Sicilia

Aus dem Italienischen übersetzt von Sophia Bäurle

Mittwoch, 26. Oktober 2016

Migrant*innen, Anlandung in Pozzallo: „Improvisierte und überfüllte Aufnahmezentren, die geschlossenen Grenzen führen zum Zusammenbruch des Aufnahmesystems“

Von IIFattoQuotidiano.it

Paola Ottaviano, von Borderline Sizilien, einer Vereinigung von Anwälten, die sich intensiv um den Beistand für Migrant*innen kümmern, erklärt die Situation im sizilianischen Hotspot so: „Das italienische Aufnahmesystem für Migrant*innen wurde weder neu organisiert, noch wurde es angepasst an die große Menschenströme, die nun kommen.“

Mittwoch, 28. September 2016

Wird es in Augusta jemals eine menschenwürdige Aufnahme für Migrant*innen geben?


Dutzende Migrant*innen, die meisten unbegleitete minderjährige Geflüchtete, sind über Wochen in der Zeltstadt zusammengepfercht, errichtet im überwachten Militärhafen, die hygienischen und sanitären Konditionen sind unwürdig. Die Menschen die sich dort befinden sind ohne wirkliche Perspektive auf eine Aufnahme und ohne elementarsten Rechtsschutz, der die Einhaltung ihrer Menschenrechte überwacht.

Dienstag, 13. September 2016

Unbegleitete minderjährige Geflüchtete: Ihre Aufnahme bleibt eine Herausforderung

New guys arrive but their problems are not over”, so der Kommentar einiger Personen zu der Ankunft weiterer Migrant*innen vor dem Hotspot von Pozzallo. „Es sind weitere Leute angekommen, aber ihre Probleme sind noch nicht zu Ende“. Gestern sind nochmals 286 Migrant*innen am Hafen angekommen, unter ihnen ca. 20 unbegleitete Minderjährige. Kids im Alter von 15, 16, 17 Jahren aber auch jüngere 13jährige sind dabei, wie die jungen Migrant*innen mit denen wir gerade sprechen wollen. Letzten Donnerstag hat eine Delegation der OSZE (Organisation für die Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa) den Hotspot von Pozzallo besucht, nachdem sie das Aufnahmezentrum in Mineo besucht hatte. In den Tagen zuvor hatten wir eine große Anzahl Verlegungen vom Hotspot in die umliegenden Zentren beobachtet. Unter den verlegten Migrant*innen waren auch etliche unbegleitete Minderjährige, die demzufolge während des offiziellen Besuchs nicht im Hotspot waren.

Freitag, 9. September 2016

Mehr besonders Schutzbedürftige, weniger Schutz. Verlängertes Zurückbehalten in Pozzallo und Augusta

15 tote Migrant*innen auf dem Meer, unter ihnen Frauen und Kinder.
Die Nachrichten über den Tod im Mittelmeer werden immer häufiger und lapidarer. Sie lassen den Bildern von Rettungen und Anlandungen nur geringsten funktionalen Raum, die europäische Verantwortung mit einzubeziehen und die italienischen Operationen zu rühmen. Gesichter und Körper, die schnell verschwinden, oft verurteilt zu einer Beerdigung weit entfernt von den Blicken der Freunde, oder zu einem mühsamen Überleben in einem Land, das sich als immer weniger demokratisch und aufnahmewillig entpuppt.

Freitag, 2. September 2016

Krieg gegen Migrant*innen: Landung in Palermo

Am 31. August 2016 sind 1169 Personen im Hafen von Palermo gelandet. Den vom Schiff Giuseppe Garibaldi der italienischen Marine geretteten Migrant*innen sei eine "militärische" Behandlung zuteil geworden, hätte sich doch ein Mitglied der Besatzung über die "Invasion auf seinem Schiff" beklagt - denn die eigentliche Bestimmung der Garibaldi ist die Verteidigung der Außengrenzen des italienischen Territoriums und die Überwachung der Sicherheit im Lande. Das sagt einiges aus über die Atmosphäre an Bord und über die Einstellung gegenüber den geretteten Migrant*innen.

Das Schiff Garibaldi im Hafen von Palermo – Photo: Alberto Biondo


Wer stirbt, wer ankommt und wer bleibt. Der Hotspot in Pozzallo platzt aus allen Nähten

„Was die Menschen in Europa nicht verstehen, ist, dass es für einen Geflüchteten, der in Libyen ankommt, weniger gefährlich ist, die Flucht über das Mittelmeer zu wagen, als zurück in sein Ursprungsland zurück zu gehen,“ sagt A., ein junger Mann aus dem Senegal, der vor zwei Jahren nach Italien gekommen ist. Wie viele andere Senegalesen verfolgt er die Rettungsmanöver im Mittelmeer von seinem Fernseher aus. Dies tut er mit gemischten Gefühlen: Einerseits empfindet er eine vorübergehende Erleichterung, andererseits kommt in ihm Wut und Ohnmacht auf. „Wer noch nie in Libyen war, kann sich nicht im Entferntesten vorstellen, wie es ist, dort um sein Überleben zu kämpfen. So wie jeder hier in Europa ein Handy mit sich trägt, trägt jeder Libyer jeglichen Alters eine Waffe mit sich – stets griffbereit. Aber das will hier in Italien niemand hören,“ erzählt er weiter.

Die Handelsflotte Jaguar St. John’s im Hafen von Pozzallo - Ph. Lucia Borghi

Dienstag, 23. August 2016

San Michele di Ganzaria: Chronik täglicher Gewalt

“Die Lage hier in San Michele ist unerträglich, ihr müsst was tun, um uns zu helfen“. Es ist Mitte Juli und ein Stadtrat der kleinen Gemeinde San Michele di Ganzaria, unweit von Caltagirone, setzt sich mit uns in Kontakt und will mit uns über die Lage der unbegleiteten Minderjährigen reden, die seit Kurzem in einer von der Genossenschaft San Francesco geführten Einrichtung untergebracht sind.
Foto: Lucia Borghi


Dienstag, 16. August 2016

"Halbe Menschen"

Es ist schon 7 Uhr abends, aber die Sonne sticht immer noch. Kein Schatten auf der Autostraße durch die Felder, die vom kleinen Stadtzentrum von Marina di Modica ins Landesinnere führt. 
Vor uns auf seinem Fahrrad, mit einem Rucksack auf den Schultern, radelt S. Er ist schweißgebadet und gezwungen, die Strecke ins Zentrum von Marina di Modica so schnell wie möglich hinter sich zu bringen.
Zusammen mit anderen 27 Migrant*innen ist er seit kurzem in einem der neuen Aufnahmezentren der Provinz Ragusa untergebracht. Die Kooperative Azione Sociale, die bis vor einem Monat den Hotspot in Pozzallo geführt hat, betreibt dieses neu eröffnete Zentrum sowie eine neue Einrichtung für Migrant*innen in Modica.

Montag, 8. August 2016

Brief der ASGI zu den Außerordentliche Maßnahmen für die Aufnahme unbegleiteter Minderjähriger

An den Präsidenten des Senats
An den Vorsitzenden und die Referentin des 5. ständigen Ausschusses (Wirtschaftsplanung, Bilanz)
An die Vorsitzenden der Parlamentarischen Fraktionen im Senat
An den Ministerpräsidenten
An den Innenminister
An die Abteilung für bürgerliche Freiheiten und Einwanderung Zentraldirektion für Einwanderung und Asyl
Zur Kenntnis an den Wirtschafts- und Finanzminister
An die Präsidentin der Abgeordnetenkammer
An den Vorsitzenden des parlamentarischen Untersuchungsausschusses zum System der Aufnahme, Identitätsfeststellung und Ausweisung sowie zu den Inhaftierungsbedingungen von Migrant*innen und den dafür eingesetzten öffentlichen Mitteln
An den Kinder- und Jugendrechtsbeauftragten
An die Zentraldirektion für Einwanderung und Integration beim Arbeits- und Sozialministerium
An den Italienischen Richterverband für Minderjährige und Familie
An das Schutzsystem für Asylsuchende und Geflüchtete (SPRAR)
An A.N.C.I. (Italienischer Städte- und Gemeinderat)


Turin, 28. Juli 2016

Außerordentliche Maßnahmen für die Aufnahme unbegleiteter Minderjähriger nach dem Gesetzesentwurf zur Umwandlung des Gesetzesdekrets Nr. 113 vom 24. Juni 2016 in ein Gesetz

ASGI* ist äußerst besorgt über die Bestimmungen der „Außerordentlichen Maßnahmen für die Aufnahme unbegleiteter Minderjähriger“, die in Artikel 1-ter des Gesetzesentwurfs zur Umwandlung des Gesetzesdekrets Nr. 113 vom 24. Juni 2016 in ein Gesetz vorgesehen sind, der dringende Finanzmaßnahmen für die Gebietskörperschaften und die jeweiligen Gebiete beinhaltet und am 21. Juli 2016 von der Abgeordnetenkammer genehmigt wurde.
Durch den Artikel wird ein neuer Absatz 3-bis in Artikel 19 der Gesetzesverordnung Nr. 142 vom 18. August 2015 eingeführt, nach dem der Präfekt bei zahlreichen und schnell aufeinanderfolgenden Ankünften unbegleiteter Minderjähriger gemäß Artikel 11 der Gesetzesverordnung die Inbetriebnahme temporärer Aufnahmeeinrichtungen ausschließlich für unbegleitete Minderjährige verfügen kann, wenn zeitweise keine Plätze in den staatlichen Erstaufnahmeeinrichtungen oder im SPRAR* zur Verfügung stehen und die Aufnahme durch die Gemeinde, in der sich der Minderjährige aufhält, nicht sichergestellt werden kann.

"Notfallaufnahme" für die unbegleiteten minderjährigen Geflüchteten: die Behörden von Ragusa setzen auf neue "Notfallaufnahmeeinrichungen"


Ende Juli hat die Abgeordnetenkammer der Umwandlung folgenden Dekrets in ein Gesetz zugestimmt: für die "außerordentlichen Maßnahmen bei der Aufnahme von unbegleiteten minderjährigen Migrant*innen" werden dringend benötigte finanzielle Mittel bewilligt. Es sind sogenannte Notfallmaßnahmen, die Ungesetzlichkeiten miteinschließen, wie auch ASGI* in einem seiner Briefe erläutert und die den Weg frei machen, für die Eröffnung von neuen, für Jugendliche ungeeignete CAS*.

Donnerstag, 28. Juli 2016

Dutzende Leichen an den Libyschen Stränden. Und in Pozzallo wird die Leiche eines weiteren Opfers der Meeresüberquerung angespült.

Am 23. Juli berichten die Medien über vierzig Leichen, welche das Meer an den libyschen Strand von Sabrata gespült hat. Eine Zahl, die im Lauf der Woche noch weiter steigen sollte. Am Wochenende sind es gut 87 Leichen, die an besagtem Strand geborgen wurden. 
Sabrata ist einer der Orte, von denen aus Geflüchtete die Fahrten über das Mittelmeer in Richtung Italien antreten: Reisen, die von der Gewissheit des Todes und der Hoffnung auf Ankunft begleitet werden. In der vergangenen Woche waren es 39 Geflüchtetenleichen, die bei Seenotrettungsmaßnahmen in Trapani und Vibo Valentia geborgen wurden. Ein tägliches Massaker, das in der Gleichgültigkeit der Menschen unterzugehen scheint. 

Sonntag, 24. Juli 2016

Geflüchtete Kinder leben allein auf den Straßen Siziliens nachdem sie ihr Leben im Mittelmeer riskiert hatten

"Ahmed!, Ahmed!, Ahmed!". Eine keuchende Stimme erschallt am anderen Ende des Platzes und mit einem Domino-Effekt weckt sie alle, die in der Gegend sich ausruhten. Sie stehen auf und versuchen nervös den Glücklichen auszumachen und wiederholen ehrfürchtig seinen Namen. Derjenige der schreit, hat ein Handy in der Hand, Ahmed (ein erfundener Name) springt auf von der Bank und rennt hin zu diesem Menschen, um ein in der italienischen Stadt Catania sehr wertvolles Geschenk entgegen zu nehmen: einen Anruf aus einem anderen europäischen Land.